Methoden in der Soziologie

Um die Methoden der empirischen Sozialforschung als ein wichtiges Instrument der Soziologie näher zu verstehen, muss erstens deutlich gemacht werden, was empirisch bedeutet und was überhaupt eine Methode ist. Empirisch heißt etwas wahrzunehmen, etwas zu erfahren. Eine Methode wiederum bezeichnet ein systematisiertes Vorgehen, bei dem zunächst Fragen an einen Gegenstand, der untersucht werden soll, formuliert werden und diese dann durch Wahrnehmungen über den Gegenstand beantwortet werden. Das heißt, dass empirisch auf etwas geschlossen wird.

Zweitens stellt sich die Frage, wofür die Methoden der empirischen Sozialforschung nötig sind? Soziologen und Soziologinnen verwenden Methoden, um ihr Forschungsfeld, die Gesellschaft, zu erkunden und Daten über sie zu erheben. Grundsätzlich wird zwischen quantitativen und qualitativen Methoden unterschieden. Quantitative Methoden werden herangezogen, wenn beispielsweise herausgefunden werden soll, wie viele Personen an einer bestimmten Krankheit leiden. Dies lässt sich gut mit einem Fragebogen erheben. Die individuellen Krankheitsverläufe und Erfahrungen von Patientinnen und Patienten sind dagegen besser mit qualitativen Methoden zu erforschen, etwa einem Interview.

Der Forschungsprozess der quantitativen Methoden folgt einem sehr linearen, standardisier-ten Ablauf. Konkret gestaltet sich dieser so, dass zunächst bestimmte Theorien beziehungs-weise mögliche Zusammenhänge formuliert werden, diese Zusammenhänge werden als Hypothesen bezeichnet. Daraufhin wird anhand einer bestimmten Personengruppe als Untersuchungsgegenstand ausgewertet, ob die Theorie und die Hypothesen auf diese zu-treffen oder nicht. Abschließend wird, unter Zuhilfenahme von Statistiksoftware überprüft, ob die Theorie und die Hypothesen zutreffen oder nicht. Wichtige Merkmale der quantitativen Forschung sind, dass sie versucht soziale Phänomene zu erklären, dass sie Theorien über-prüft und, dass sie den Anspruch erhebt repräsentative Ergebnisse zu generieren. Repräsentativ bedeutet, dass durch eine meist hohe Anzahl von Befragten die Ergebnisse für die gesamte Bevölkerung gültig sind. Beispielsweise kann mit einem Fragebogen erhoben wer-den, ob die Anzahl der Kinder mit der Ausbildung der Mutter zusammenhängt und auch über die Häufigkeitsverteilungen von Klassen, Schichten oder Milieus in einer Gesellschaft kann dieser Auskunft geben.

Die qualitativen Methoden orientieren sich nicht so sehr wie die quantitativen Methoden an einem linearen Forschungsprozesses. Sie richten sich eher nach den Besonderheiten des Forschungsgegenstandes. Das heißt die Besonderheit des Gegenstandes, die sich auch erst während des Forschens ergeben kann, ist in den qualitativen Methoden ausschlaggebend für die Methodenauswahl. Generell ist das Prinzip der Offenheit von Bedeutung in den qualitativen Methoden. Das bedeutet, dass vor dem eigentlichen Forschungsprozess keine Hypothesen und Theorien gebildet werden, die daraufhin überprüft werden. Vielmehr soll offen an den Forschungsgegenstand heran getreten werden. Allgemein stehen die qualitativen Methoden mehr für die Hypothesengenerierung, anstatt für deren Überprüfung. Wesentliche Merkmale der qualitativen Methoden sind es also die untersuchten Gegenstände in ihrer Besonderheit zu verstehen und besonders geht es in den qualitativen Methoden nicht um repräsentative Ergebnisse. Der Einzelfall steht hierbei im Vordergrund, aus dem allerdings heraus versucht wird verallgemeinernde Schlussfolgerungen zu filtern. Eine typische qualitative Methode ist das Interview. Drei gängige Arten des qualitativen Interviews sind zum einem das Narrative Interview, bei dem der Interviewte möglichst frei erzählen soll. Eine zweite typische Art des Interviews ist das Diskurs-dialogische Interview, bei dem der Interviewer das Interview viel stärker lenkt. Und drittens gibt es schließlich das Experteninterview, wobei eine Person als Experte oder Expertin für ein ganz bestimmtes Themengebiet befragt wird.

Um die Vielseitigkeit der Gesellschaft zu untersuchen, gibt es also verschiedenste Methoden der empirischen Sozialforschung. In der Forschung werden je nach Erkenntnisinteresse auch qualitative und quantitative Methoden verknüpft. Es kann sich vorgestellt werden, dass alle Methoden, die es gibt wie eine Werkzeugkiste sind. Bevor in die Werkzeugkiste gegriffen wird, müssen natürlich Überlegungen dazu angestellt werden, welches Werkzeug benötigt wird, um etwas zu reparieren oder aufzubauen. Irgendein Werkzeug zu greifen und damit sein Glück zu versuchen wird nur in den wenigsten Fällen gelingen. Und ebenso muss der Soziologe oder die Soziologin bevor er oder sie eine Methode anwendet sich sehr genau überlegen, welche die passende für den Gegenstand, den er oder sie untersuchen möchte und für die Forschungsfrage, die er oder sie verfolgt sein könnte.

Es könnte natürlich behauptet werden, dass das Alltagswissen doch schon ausreiche, um Zusammenhänge der Gesellschaft zu erkennen. Zum Beispiel könne allein aus dem eigenen Alltagswissen heraus behauptet werden, dass umweltbewusstere Personen eher bereit sind Energie einzusparen, als weniger umweltbewusstere Personen. Dies erscheint logisch. Allerdings reicht das Empfinden eines logischen Zusammenhangs nicht aus, um definitiv sagen zu können, dass es der Realität entspricht. Tatsächlich hat die Untersuchung dieser Aussage ergeben, dass eigentlich nur ein sehr geringer beziehungsweise überhaupt kein Zusammenhang zwischen Umweltbewusstsein und der Bereitschaft zum Energiesparen besteht. Methoden der empirischen Sozialforschung helfen also bei der Überprüfung, ob bei vermuteten Zusammenhängen auch wirklich ein Zusammenhang besteht und wie stark dieser Zusammenhang ist, was uns unser Alltagswissen nicht sagen kann. (Nina Goßmann)


Literaturverweise:

Atteslander, Peter (2010): Methoden der empirischen Sozialforschung (13. Auflage). Berlin: Erich Schmidt Verlag.

Diekmann, Andreas (2012): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwen-dungen (6. Auflage). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Flick, Uwe 2012, Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung (5. Auflage). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Hillmann, Karl-Heinz (2007): Wörterbuch der Soziologie (5. Auflage). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.

Lamnek, Siegfired (2010): Qualitative Sozialforschung (5. Auflage). Weinheim, Basel: Beltz Verlag.

Mey, Günter; Mruck, Katja (2011): Qualitative Interviews. In: Naderer, G.; Balzer, E. (Hg.): Qualitative Marktforschung in Theorie und Praxis (3. Auflage). Wiesbaden: Gabler Verlag, S. 259-283.